Einander beistehen

(18.06.2017) — Holger Holtz

Gedanken von Pfarrer Peter Mücksch, Hötensleben. Neulich, nach einer Beerdigung hab ich mich mal wieder gewundert. Zunächst eine volle Friedhofskapelle. Beim Weg zum Grab schon ein paar weniger. Nachdem die Urne in der Erde war, sah ich einige davongehen. Wieder andere gingen zur Grabstelle, dann aber stumm an den Angehörigen vorbei zum Ausgang. Was ist da los? fragte ich mich. Warum sind sie gekommen? Warum sind sie nicht bis zum Schluss geblieben?

In verschiedenen Gruppen hab ich danach gefragt. "So eng gehöre ich doch da nicht dazu" sagten die Einen. Andere meinten, das gehe sie nichts an, was da an der Grabstelle passiert. Einige meinten, sie hätten ihren Namen schon in die Kondolenzliste geschrieben oder eine Karte abgegeben. Und schließlich: "Was soll man denn da machen am Grab und was soll ich sagen, wenn ich dann da an den Angehörigen vorbeikomme?" Auf´s Ganze gesehen hatte ich den Eindruck, dass da eine große Verunsicherung herrscht. Man weiß einfach nicht mehr, was üblich und richtig ist. Kennt nicht mehr die über Jahrhunderte gewachsen Riten und Gebräuche. Versteht nicht, warum etwas so ist wie es ist und was es für Begründungen dafür gibt. Um dieses wiederzugewinnen braucht es Informationen und dann natürlich auch den Mut, etwas neu und anders zu machen.

Es gibt auf der Erde sehr viele verschiedene Bestattungsformen. Sie sind gewachsen unter sehr unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen und vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und religiöser Vorstellungen. Allen gemeinsam ist das Bemühen durch einen vorgegebenen Ritus etwas zu bewältigen, was uns unbewältigbar erscheint. Vor der Wirklichkeit des Todes verstummen wir, werden wir gelähmt und hilflos. Das ist verständlich. Aber gerade deshalb braucht es Formen, an die man sich halten kann, die Sicherheit geben und handlungsfähig machen.

Unser mitteleuropäisches Bestattungsritual geht davon aus, dass eine Lebensgemeinschaft gemeinsam von einem Toten Abschied nimmt und ihn begräbt. Die, die mit einem Menschen zu tun hatten, gehen gemeinsam einen Weg. Tun, was zu tun ist- bis zum Schluss. Und dazu gehört eben auch, selber an die Grabstelle heranzutreten und mit drei Händen voller Erde den Verstorbenen zu begraben. Nicht irgend ein anderer kann das tun. Ich selber muss am Grab stehen, muss im wörtlichen Sinne "begreifen" und tätig werden. Das ist hart und tut weh. Wann sonst bedecken wir einen Menschen mit Erde…Es führt uns die Endgültigkeit des irdischen Lebens (auch unseres eigenen) vor Augen. Aber dem müssen wir uns stellen, um uns dann wieder dem Leben und den Lebenden zuwenden zu können.
Da stehen dann zunächst einmal die Angehörigen. Ihnen die Hände zu reichen ist ein Brauch der Solidarität und Mitgefühl symbolisieren soll. Viele Worte braucht es dabei nicht. Eine Floskel wie "mein Beileid" reicht. Wenn das nicht über die Lippen kommt, tut es auch ein stummer Händedruck… Aber schon das ist viel, viel mehr als eine Unterschrift oder Karte. Es heißt: wir stehen zusammen. Auch in dieser schweren und unbequemen Situation. Erst dann ist die Beerdigung zu Ende. Erst dann kann ich nach Hause in meinen Alltag gehen.

Mit Religion haben diese "praktischen Dinge" übrigens nichts zu tun. Weltliche und kirchliche Bestattungen unterscheiden sich da nicht. Die Religion steckt eher in den deutenden Worten, Texten , Gebeten und Zeichen. Die weisen uns darauf hin, dass mit dem Tod eben nicht alles zu Ende ist. Wir dürfen hoffen- auch im Angesicht des Todes. Wir dürfen, ja wir sollen solidarisch sein. Nicht umsonst wird das Begraben der Toten zu den 7 Werken der Barmherzigkeit gezählt.

 


 

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27.06.2017
Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht! Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne!
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