Ich würde … wählen

(19.09.2017) — Holger Holtz

Gedanken von Pfarrer Holger Holtz. Ein wahrer Plakate-Wald in der heißen Phase des Wahlkampfs zeigt sich an unseren Straßen. Vor einem bleibe ich stehen. Ich sehe das Gesicht Martin Luthers und den Satz "Ich würde … wählen. Ich könnte nicht anders."

Zur Zeit Martin Luthers gab es Konflikte - nicht nur religiös mit Rom sondern auch politisch. Luther hat sich in einigen Entscheidungen sehr hartherzig verhalten. Seine Haltung zu Juden, seine Haltung im Bauernkrieg sind Beispiele dafür. Die große Bewegung und Umbrüche seiner Zeit haben ihn an seine Grenzen gebracht. Auch die leuchtendste Gestalt hat eine Schattenseite. Würden wir nur diese Seite Luthers betrachten, könnten wir fragen: würde er…?

Es gibt aber noch eine andere Seite Luthers. Martin Luther hat gewählt. Seine Stimme gilt Jesus Christus allein. Ihm war durchaus bewusst, dass sein Leben nicht ohne Fehler ist und dass seine Werke nicht gerecht sind. Wie konnte er damit leben? Um daran nicht zu zerbrechen, hat er in den christlichen Quellen geforscht. Dort hat er erkannt: Jesus Christus allein macht uns gerecht. Sein Leben versöhnt uns mit unserer Vergangenheit. Seine Gegenwart gibt uns neues Leben. Sein Tod und seine Auferstehung geben uns Hoffnung.

Diese Erkenntnis hat unsere Welt geprägt hat - nicht nur unser Land. Der Name Martin Luther steht für eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen weltweit. Sie setzen sich mit den Herausforderungen der Welt auseinander und verkünden die Liebe Gottes der ganzen Welt und nicht nur einem ausgewählten Volk. Seine Erkenntnis und seine Wirkung kann nicht einfach für eine politische Aussage ausgeblendet werden.

Für mich ist der ehrliche Umgang mit dem Leben ein wichtiges Erbe der Reformation. Als mündiger Mensch hätte Luther wohl nicht nur die provokanten Sprüche auf den Plakaten gelesen, sondern sich die Programme der Parteien vorgenommen: die Quellen studiert und sich mit ihnen auseinandergesetzt. Spätestens dann dürfte seine Wahl nicht auf die Partei gefallen sein, die ihn jetzt für sich vereinnahmt. Sie blendet einfach eine wichtige Seite Luthers aus und verzerrt das Gesamtbild. So gehe ich an besagtem Plakat vorbei und sage: "Nein, würde er nicht!"

Respekt voreinander und eine ehrliche Auseinandersetzung muss Grundlage unserer Gesellschaft sein und bleiben. Das haben wir aus unserer (auch aus der christlichen) Geschichte gelernt. Ich persönlich bin sehr stolz, dass sich in meinem Land diese Werte bewährt haben - ein Blick in die Welt zeigt, dass das nicht mehr selbstverständlich ist. Sie zu bewahren, ist Aufgabe einer demokratischen Wahl.

Auch ich habe für mich Jesus Christus gewählt. Das Leben mit ihm, seine Versöhnung und die Hoffnung, die ich von ihm empfange, machen mich zu einem mündigen Menschen. Deshalb werde ich am 24. September wählen gehen und beten, dass auch nach dieser Wahl das Erbe der Reformation lebendig bleibt und ich frei und fröhlich meinen Glauben inmitten einer vielfältigen Gesellschaft leben kann.

Holger Holtz, Pfarrer in Aschersleben und Öffentlichkeitsbeauftragter im Kirchenkreis Egeln

 


 

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23.10.2017
Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
Sprüche 16,3 Philipper 2,13

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