Bankier der Barmherzigkeit

(02.02.2018) — Holger Holtz

Gedanken von Matthias Porzelle, Superintendent des Kirchenkreises Egeln. Weihnachten ist vorüber. Gefühlt gilt das seit Wochen, de facto aber erst seit heute. Der kirchliche Festkalender beschließt Weihnachten mit dem 2. Februar, dem Tag Mariä Lichtmess. So oder so, Weihnachten ist vorüber.

Aber manche Geschenke bekommen ihren Wert erst, wenn der Gabentisch abgeräumt ist. In meinem Fall betrifft das ein Buch über einen Menschen, der uns in diesem Jahr gleich zweimal zum Gedenken veranlasst, weil er vor 200 Jahren geboren wurde und vor 130 Jahren starb: Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

Er war mir, wenigstens durch seinen Nachnamen, schon in Kindertagen ein Begriff. Es gab zwar in der DDR weder eine Raiffeisenbank noch Raiffeisengenossenschaft, aber in unserer Familie wurden Bauernbank und BHG immer so betitelt. Und eines Tages, nach dem Mauerfall, standen die Namen tatsächlich wieder an den entsprechenden Gebäuden. Raiffeisen, das Büchlein nennt ihn im Titel "Bankier der Barmherzigkeit", wirkte als Bürgermeister und später als Weinhändler im Westerwald.

Seine persönlichen Lebensumstände waren nicht immer rosig, aber um sich herum sah er die noch größere Not. Viele Menschen im ländlichen Raum litten Hunger und fanden aufgrund von Wucherzinsen keinen Ausweg aus ihrem Elend. Raiffeisen versuchte auf verschiedenen Wegen zu helfen. Geglückt ist ihm aber vor allem die Idee der genossenschaftlichen Kreditvergabe, bei der einer für alle und alle für einen einstanden. Uneigennützig sollte die Hilfe der Vereine sein, eben christliche Nächstenliebe im besten Sinne. Tatsächlich lag Raiffeisens Antrieb in seinem Glauben als Christ. Daraus machte er keinen Hehl. Er betonte, dass der Glaube eine Erfüllung gibt, die durch keine materiellen Güter zu finden ist. Mit dieser Einstellung gewann er viele Mitmenschen für seine karitative Idee.

Eindrücklich ist mir das Beispiel eines thüringischen Ortes, der so heruntergekommen war, dass die Regierung erwog, ihn zu schleifen und die Bevölkerung umzusiedeln. Eine letzte Chance bekam das Dorf durch einen jungen Pfarrer, der Raiffeisens Idee aufnahm, genossenschaftlich Kredite vergab und damit Wucherern das Handwerk legte. Binnen weniger Jahre florierte das Leben im Ort wieder.

Sicher, die Lebenswelt Raiffeisens liegt lange zurück. Die Probleme haben ein anderes Gesicht bekommen. Trotzdem liest sich die Beschreibung der damaligen Situation in seinem Buch von 1866 wie ein Gegenwartsbericht. Und seine Wege zur Hilfe können ja mindestens dazu anregen, eigene Ideen zu entwickeln. Ich werde also mein Weihnachtsgeschenk in Griffweite behalten und nicht gleich ins Regal stellen.

Matthias Porzelle Superintendent des Kirchenkreises Egeln

 


 

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Losung & Lehrtext

20.02.2018
Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR. Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?
Psalm 111,4 1.Korinther 10,16

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