Westeregeln

Wolfgang Löbe

Pfarramt Westeregeln
Martin-Luther-Platz 3
39448 Börde-Hakel OT Westeregeln

Fon 0174 3289924

 

Die evangelische Kirche St. Jakobi zu Westeregeln

Die Kirche St. Jakobi wird in den "Beschreibenden Darstellungen der Kunstdenkmäler des Kreises Wanzleben" als barocker Neubau beschrieben: "Das Schiff ist eine rechteckige Saalkirche, jederseits sechs große Rundbogenfenster, innen entsprechend viereckige Holzpfeiler, welche die eingespannte Empore und die Flachtonne tragen. Im Entwurf von monumentaler Gesinnung und kraftvoll in der Wirkung, ähnlich und wohl gleichzeitig mit Egeln 1701." So äußert sich auch der "große" Dehio in den "Kunstdenkmäler(n) in Sachsen-Anhalt" und bezieht sich wohl auf die genannte Textstelle.

Ganz anders berichtet eine Matrikel (ein Verzeichnis) unserer Kirche aus dem Jahre 1837. Hier heißt es: "Das in den Jahren 1833 und 1834 neu erbaute Kirchengebäude, 88 2/3 Fuß lang, 41 ½ Fuß tief, 21 Fuß im Lichten hoch, mit einem Kronenziegeldach und einer verschalten Bogendecke. Der auf der Abendseite befindliche massive Turm und mit einem Schieferdache versehene Turm ist alt. 26 Fuß lang, 15 Fuß tief und 43 Fuß in vier Etagen hoch." Da die zweite Quelle vor Ort entstand, sollte sie für uns gültig sein.

Wir betrachten die Westeregelner Kirche als einen klassizistischen Neubau, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wohl nach Plänen des großen Berliner Baumeisters Karl Friedrich Schinkel entstanden ist. Für diese Theorie sprechen Vergleiche mit gesicherten Schinkelbauten in Magdeburg, Sargstedt bei Halberstadt, Nordhausen-Salza, Annenwalde (Uckermark) sowie Nikolaiken (Ostpreußen).

 Aber unsere Kirche und Kirchengemeinde sind älter. Am 7. Juni 941 schenkte König Otto I. seinem Patenkind Siegfried, dem Sohn des Markgrafen Gero, anlässlich seiner Taufe Egeln, Westeregeln und einen Teil des Hakels bei Cochstedt. Siegfried starb vor dem Vater. Dieser schenkte daraufhin unsere Orte dem im Jahre 961 gestifteten Kloster Gernrode. Im gleichen Jahr entstand auch in unserem Nachbarort Hadmersleben das Kloster. Eine seelsorgerische Tätigkeit auch in unseren Gemeinden kann daher vermutet werden.

Ältestes Zeugnis aus der Frühzeit unserer Kirche ist der Turm. Das Datum seiner Errichtung kennen wir nicht. Er gehört aber in die Reihe der spätromanischen Westklumptürme des Magdeburger Landes. Der schönste dieser Türme steht wohl in Langenweddingen, der eindrucksvollste in Altenweddingen, der wehrhafteste ist wohl der Turm in Etgersleben.

Diese Türme hatten auch eine Schutz- und Wehrfunktion. In den Kriegs- und Notzeiten der Vergangenheit flohen die Bewohner der Dörfer mit einem Teil ihrer Habe in den Turm, von wo aus sie sich auch verteidigen konnten.
Der Westeregelner Turm war früher wesentlich kleiner als heute, etwa 18 bis 19 Meter hoch. Unser erstes Bild, ein Foto aus der Zeit um 1900 vermittelt eine Vorstellung davon. Auch die Tür muss man sich anfänglich kleiner und gedrungener vorstellen als heute. Die Tafel über der Tür, die heute leider nicht mehr zu entziffern ist, erzählt, dass der Turm nach einem Brand 1662 unter dem Schutz des Hadmerslebener Amtmannes Joachim Hanse unter Leitung des Pastors Joachim Hirsemann neu aufgebaut wurde. Die Inschrift schließt mit einem Bibelwort: "Die Augen Gottes sehen alles." [Sirach 23,28]
Dieser Satz verweist vielleicht auf ein interessantes Kapitel der Westeregelner Geschichte: Nach dem 30-jährigen Krieg hatten die Asseburger Grafen auf dem Falkenstein, die in Westeregeln zwei Freihöfe besaßen, darunter auch den Turmhof an der Kirche, diese an den Amtmann Heinrich Raven verpachtet, der in der Folge mit den Bauern in Streit wegen ausstehender Abgaben geriet. 109 Taler wurden von ihm gefordert. Die erzürnten Bauern kommen mit Prügeln, Forken und Beilen. Das Haus wird gestürmt, Türen und Fenster werden aufgerissen, obgleich die Tore offen standen. Die Pferde werden in den Krug geführt. Als Nächstes geht die Aufforderung Ravens an Hanse zum Duell. Raven überfällt mit vier Knechten einen Westeregelner Bauern, Untertan des Domkapitels Magdeburg, zwischen Hadmersleben und Oschersleben auf offener Straße. Als dann 1662 Scheune und Ställe des Turmhofes brennen, hegt man Verdacht auf Brandstiftung, denn die Bauern helfen nicht beim Löschen. Da es auch Kontroversen mit dem Pastor Hirsemann gab, gehen die Falkensteiner Akten, die über den Vorfall berichten, nicht auf den Brand des Turmes ein.

1922 wurde der Turm, um im größer gewordenen Ort besser sichtbar zu sein und um die neuen Stahlglocken aufnehmen zu können, um ca. sechs Meter erhöht. Dies geschah mit der Auflage, dass das alte Dach wieder aufgebaut werden müsse.

Die erste urkundliche Erwähnung einer Westeregelner Kirche erfolgte 1503. Erzbischof Ernst von Magdeburg "inkorporiert" darin die wüste Kirche St. Habundi zu Westeregeln in das Kloster Marienstuhl. Ob es sich dabei um unsere Kirche oder um eine andere handelt, ist nicht zu klären. Unsere St. Jakobikirche wird 1651 das erste Mal urkundlich erwähnt, also kurz nach dem 30-jährigen Krieg. Der Chronist schreibt, dass sie mit Schiefer gedeckt, aber so beschädigt war, dass man sich vorkam, als säße man unter freiem Himmel. Die kaiserliche Armee, die auf dem Wege nach Wolfenbüttel jenseits der Bode auf dem Drosteberg bei Etgersleben ihr Lager aufgeschlagen hatte, hatte die Decke, das Gestühl, die Kanzel, den Chor und die Fenster als Feuerholz herausgerissen. Es war zwar inzwischen schon einiges ausgebessert worden, dennoch besaß die Kirche nur vier richtige Fenster, die anderen waren mit Stroh zugehangen. Über das eigentliche Aussehen der Kirche erfahren wir aber nichts.

Der Patron der Kirche und Pfarre war in früherer Zeit der Probst des Stiftes St. Simonis et Judae - des "Doms" - zu Goslar gewesen. Das Domkapitel Magdeburg, das die Gerichtsobrigkeit von Westeregeln war, hatte sich als Compatron betrachtet. 1805, nach dem Reichsdeputationshauptschluss, wurde durch königlichen Erlass der Probst von Goslar vom Patronat entbunden und dieses dem Kloster Berge vor Magdeburg übertragen. Nach dem Wiener Kongress 1814 / 1815 wurde der Landesherr, der preußische König, Patron der Kirche, der Pfarre und der beiden Schulstellen. Die alte Kirche war auch Begräbnisstätte. So hatte die Familie von Börstel, Erbsasse auf Westeregeln, seit 1686 in der Kirche ein erkauftes Erbbegräbnis in einem Gewölbe. Wir wissen nicht, wo es sich befand. Bis 1726 wurden hier Familienmitglieder derer von Börstels bestattet. Auch der Pastor Joachim Hirsemann, der 37 Jahre in dieser Gemeinde seinen Dienst verrichtet hatte, wurde in der Kirche beigesetzt. Als letzter wurde Pastor Grotjan 1795 in der Kirche beerdigt. Sein Grab wurde 1927 bei den Ausschachtungsarbeiten für die Heizung gefunden. Die alte Kirche müsste demnach die Länge der heutigen Kirche gehabt haben.

Im Visitationsprotokoll vom 20.11.1827 finden wir Angaben über die Stühle (Logen) in der Kirche. Diese gab es auch noch im Neubau von 1834 und wurden erst vor ca. 60 Jahren entfernt. An jeder Seite befanden sich vor dem Altar vier Stühle bzw. Logen unter den Emporen. Auf der linken Seite waren es die des hochadeligen Hofes, später der Domäne, des Ortsschulzen Ackermann Bergling, des Zehnthofes oder Turmhofes an der Kirche und des zweiten Asseburger Hofes, des Planhofes. Auf der rechten Seite saßen die Familien des Ackermannes Wagenschein, (später Rose in der Klosterstraße), Kleinschmidt - Kortum aus der Grünen Straße (Gelände der Hauptschule), der Pächter bzw. der Besitzer des Klosterhofes (Plan 10, später Reckleben) und der Ortsgeistliche.

In der Kirche gab es freie und bezahlte (bessere) Plätze. Jedes Haus hatte seinen bestimmten Platz. Oben auf den Emporen waren die Mannsstühle, unten die Weiberstühle.

1830 wurde an die Regierung ein Bericht eingereicht, dass der Kirchenbau in einem solchen Zustand wäre, dass er eine Gefahr bedeute. Nichts geschah. Zwei Jahre später wurde das Gotteshaus als gefahrdrohend geschlossen und über den Umbau beraten, der aber dann doch ein Neubau wurde. Und hier hatte der Berliner Architekt Karl Friedrich Schinkel ein gewichtiges Wort mitzureden. Es entstand in jener Zeit im Königreich Preußen kein öffentlicher Bau, den er nicht abzeichnete oder zu dem er Anregungen gab.

Und so entstand hier das Modernste, was es damals gab - eine der sogenannten Normalkirchen, die Schinkel für kleine evangelische Gemeinden entworfen hatte, die ganz oder teilweise auf Kosten des preußischen Staates gebaut wurden. Der Chorraum wird in diesen vom Kathederaltar, einer Weiterentwicklung des Kanzelaltars, beherrscht. Die Kirche soll in erster Linie eine Predigtkirche sein. Das Wort wird über dem Sakrament verkündet. Unser zweites Bild macht dieses anschaulich. Das Halbbogenfenster an der Stirnseite des Raumes müssen wir uns hell verglast mit einem Strahlenmotiv vorstellen. Erst 1891 entstand das heutige Buntglasfenster. Im gleichen Jahr wurden auch die beiden Kronleuchter und die Seitenleuchter an den Pfeilern (nach Schinkelschen Vorlagen) gekauft und angebracht. Die Altarleuchter und das Kreuz sind Stiftungen Westeregelner Familien.

Seit dem späten 16. Jahrhundert wird in Westeregeln immer ein Organist erwähnt, der auch gleichzeitig Lehrer war. Also muss schon sehr früh eine Orgel vorhanden gewesen sein. In den folgenden Jahren wird nie von einem Neubau der Orgel, sondern stets von einem Umbau gesprochen, so 1749, 1788, 1834, 1926, 1934, 1987.
1837 wird die Orgel wie folgt beschrieben: In der Kirche befindet sich eine wieder hergestellte und verbesserte Orgel mit neun klingenden Stimmen im Hauptwerke, vier dergleichen im Oberwerk und drei dergleichen im Pedal mit zwei Bälgen, die von den größeren Schulkindern getreten werden mussten. Erst mit Beginn der Elektrifizierung konnten Orgel und Glocken elektrisch betrieben werden.

Der Platz um die Kirche herum diente der Gemeinde bis 1813 als Begräbnisplatz. Leider haben sich aus dieser Zeit keine Grabdenkmäler wie z.B. in Tarthun erhalten. Auch die schönen klassizistischen Steine auf den Alten Friedhof hinter dem Rathaus sind in den Notzeiten nach 1945, als der Park zu Gärten parzelliert worden war, verschwunden.

An der Südseite des Platzes stand immer das Pfarrhaus, in der Vergangenheit ein ansehnlicher Wirtschaftshof mit Scheunen und Ställen, um 1900 durch den gegenwärtigen Bau ersetzt. An der Westseite stand das Schulhaus, 1883 durch das noch stehende ersetzt. So erleben wir hier in Westeregeln zumindest topographisch in eindrucksvoller Weise die Einheit von Kirche, Pfarre und Schule.

Bis in die Zeit um 1900 war unsere Kirche eine sogenannte Pfründenkirche, d.h. die Pfarrer hatten neben ihrer Besoldung durch die Gemeinde noch weitere feste Einnahmen aus früheren Dienststellungen. Zum Glück hatte unsere Gemeinde in den letzten Jahren immer engagierte Pfarrer, die sich stets um den Erhalt und Verbesserung der Baulichkeiten mühten und die seelsorgerische Tätigkeit erst nahmen. Dafür sei ihnen an dieser Stelle gedankt.
Verweisen möchte ich an dieser Stelle auch darauf, dass in den letzten Jahren die Kirche auch für Konzerte verschiedenster Art genutzt wird.

2013 wurde die Orgel mit großem Aufwand von der Firma Hüfgen aus Halberstadt saniert und zu Palmsonntag 2014 in einem großen Gottesdienst mit allen Gemeinden des neuen Pfarrbereiches und unter Beteiligung der katholischen Brüder und Schwestern eingeweiht.

Günter Stock

 

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18.08.2017
Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. Jesus spricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.
Jesaja 12,3 Johannes 7,37-38

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