Wenn „Fix You“ zum Lichtermeer wird
"Lights will guide you home ..."
Als diese Zeile erklang, leuchteten in der Stephanikirche unzählige Kerzen.
Für mich war das der bewegendste Moment der beiden Coldplay-Gottesdienste in Aschersleben und Seehausen.
Dass mich dieser Augenblick so berühren würde, hätte ich einige Monate zuvor nicht gedacht. Im Juni begannen die Proben. Als unsere Chorleiterin Anke Groth ankündigte, dass wir einen Gottesdienst mit Liedern von Coldplay gestalten würden, war ich sofort begeistert. Mein Name ist Melanie Manecke, singe seit zwei Jahren im Singkreis mit und fand die Idee großartig, moderne Musik in die Kirche zu bringen. Die Songs von Coldplay gehören für viele Menschen meiner Generation zum Alltag dazu. Dass sie nun Teil eines Gottesdienstes werden sollten, machte mich neugierig.
Dabei bin ich keine klassische Chorsängerin. Ich kann keine Noten lesen und singe im Tenor, als eine von nur wenigen Frauen zwischen den Männern. Im Chor treffen Menschen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen aufeinander. Einige singen schon viele Jahre zusammen, andere waren eigens für dieses Projekt dabei. Die englischen Texte waren nicht für alle Menschen im Chor leicht umzusetzen. Von den sieben Proben konnte ich selbst nur fünf besuchen. Umso beeindruckender finde ich, was in dieser kurzen Zeit entstanden ist.
Ein großer Verdienst dafür gebührt unseren Chorleitern. Mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, Geduld und musikalischem Können haben sie uns hervorragend vorbereitet. Gemeinsam arbeiteten wir auf die Aufführungen hin, ohne zunächst zu wissen, wie das große Ganze am Ende klingen würde. Der Singkreis Aschersleben, der Popchor Seehausen, die Band und Solist Felix-Tillmann Groth probten nämlich zunächst getrennt voneinander. Erst bei der Generalprobe in der Stephanikirche kamen alle Beteiligten zusammen. Leider konnte ich an diesem Abend nicht dabei sein. Umso größer war meine Spannung vor dem ersten Gottesdienst. Wie würden die Chöre, die Band und der Solist gemeinsam klingen?
Und dann war es endlich so weit.
Mit The Scientist, Yellow, Clocks, Paradise und Fix You füllten sich die Kirchen in Aschersleben und Seehausen mit Musik. Rund 280 Besucherinnen und Besucher in der Stephanikirche und weitere 180 in der Laurentiuskirche erlebten die Gottesdienste mit uns.
Mein persönlicher Gänsehautmoment kam während der Predigt von Anne Bremer.
Zu Beginn hatte jede Besucherin und jeder Besucher eine Kerze erhalten. Während der Predigt entzündete Anne ihre Kerze und gab das Licht weiter. Nach und nach wanderte die Flamme durch die Reihen und wurde von Mensch zu Mensch weitergegeben.
Als wir anschließend die Zeile "Lights will guide you home" aus Fix You sangen, leuchtete die gesamte Kirche.
Überall Kerzen.
Für einen Moment schienen Musik, Botschaft und Gemeinschaft vollkommen miteinander zu verschmelzen. Dieser Augenblick ist schwer in Worte zu fassen und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.
Ebenso beeindruckt hat mich die Band. Die Musikerinnen und Musiker kamen aus verschiedenen Orten des Kirchenkreises und standen in dieser Besetzung zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Gemerkt hat man das nicht. Besonders schön fand ich, dass mit Charlotte König eine gerade einmal 13-jährige Pianistin Teil dieses Projekts war und ganz selbstverständlich ihren Platz zwischen den ehrenamtlichen Musikerinnen und Musikern hatte.
Und dann gab es noch die Menschen, die man kaum sieht und ohne die dennoch nichts funktionieren würde.
Allen voran Gregor Lampert, der für Ton, Licht und Aufnahmen verantwortlich war. Wie viele Meter Kabel verlegt und angeschlossen wurden, kann ich nicht einmal ansatzweise schätzen. Instrumente mussten verkabelt, Monitorsysteme eingerichtet und zwei sehr unterschiedliche Kirchenräume technisch ausgestattet werden. Dazu kamen Licht- und Nebeleffekte, die wesentlich zur besonderen Atmosphäre beigetragen haben. Nach dem Gottesdienst in Aschersleben musste nahezu die komplette Technik wieder abgebaut, nach Seehausen transportiert und dort erneut eingerichtet werden.
Dass bei einem so komplexen Projekt hier und da kleine technische Schwierigkeiten auftreten, gehört dazu. Umso mehr zeigt sich, wie viel Arbeit und Engagement hinter solchen Veranstaltungen steckt. Ein Wunsch wurde an diesem Wochenende mehrfach geäußert: Die mittlerweile in die Jahre gekommenen Headset-Mikrofone würden sich sehr über eine Erneuerung freuen.
Für mich waren diese beiden Abende weit mehr als zwei Gottesdienste.
Sie haben gezeigt, was entstehen kann, wenn Menschen ihre Zeit, ihre Talente und ihre Leidenschaft einbringen und gemeinsam etwas wagen.
Dafür bin ich sehr dankbar.
(Die Mitwirkenden: Singkreis Aschersleben, Anke Groth / Popchor Seehausen, Felix-Tillmann Groth (Solist), Band: Charlotte König und Anja Hoffmann, Piano / Erik Gebbert und Jürgen Groth, Gitarre / Mirjam König, Violoncello / Andreas König, Drums / Gregor Lampert, Licht & Ton / Anne Bremer und Anastasia Bonk, Verkündigung / Ein Projekt der Popularmusik "district_e_music" im Kirchenkreis Egeln)