Leseandacht für den 14. Sonntag nach Trinitatis
Was darf es mich kosten?
„Über Politik darf man nicht mehr reden.“ „Warum?“ frage ich verwundert. „Es endet meistens damit, dass einer vor Wut den Raum verlässt und nicht mehr mit den anderen redet.“ Diese Unterhaltung ließ mich einmal mehr spüren: wir leben in einer Zeit mit starken Temperaturschwankungen zwischen hitzigen Debatten und fröstelnder Zwischenmenschlichkeit. Oft schwanke ich mit zwischen Abschotten und Miteifern. Ich verstehe den Frust an vielen Stellen, will mich aber nicht dazu verleiten lassen, auf unmenschliche Weise Menschen zu begegnen.
Der christliche Glaube und Gesellschaft – vielleicht beginnt die entscheidende Frage nicht damit, was mein Glaube über diese Gesellschaft sagt, sondern damit, was mein Glaube von mir verlangt, wenn ich Teil dieser Gesellschaft bin. Sollte man das eine nicht strikt vom andern trennen? Kann ich das eine überhaupt vom andern trennen? Natürlich prägt mein Glaube meine Haltung in der Gesellschaft und mein politisches Denken. Wie sollte es anders sein? Tatsächlich ist mir mein Glaube ein steter Begleiter, der mir immer wieder auf die Schulter klopft und fragt: „Macht das dir eigentlich nichts aus?“ Wenn mein Glaube nicht unbequem wird, könnte es sein, dass ich es mir in meinem eigenen Wunschdenken zu gemütlich gemacht habe. Doch Jesus sagt: „Selig sind, die Frieden stiften“ (Matthäus 5,9) und das ist nun mal kein Aufruf zu „Mach es dir auf dem Sofa bequem, die Welt ist so wie sie ist, schau lieber Netflix“. Es wäre oft viel einfacher, Situationen, Menschen und Konflikte zu meiden, einfach den Mund zu halten, klein beizugeben. Doch zu welchem Preis? „Was kostet es hinzuschauen, wenn wegsehen normal geworden ist?“, formuliert der Musiker Arne Kopfermann. Ich schreibe das in erster Linie an mich selbst. Was darf es mich kosten? Meine Zeit? Meine Bequemlichkeit? Meinen Ruf? Meine eigene Sicherheit? Jesus ruft uns nicht in unsere Komfortzone, sondern in seine Nachfolge. Einen Weg der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und der Wahrhaftigkeit. Einen Weg, der weder abdriftet in hitzige Polarisierung noch in fröstelnde Rohheit, einen Weg, der weder gemütlich im privaten Rückzug endet noch sich im wütenden Aktionismus verzweigt. Mit dem Kreuz setzen am Wahlsonntag ist eine moralische Pflicht getan, doch das Kreuz, an dem Jesus starb, fordert jedem Tag erneut die Frage ab, wie ich meinen Mitmenschen dienen und einen Beitrag in der Gesellschaft leisten kann, der in Gottes Sinne ist. Also: Was darf mich die Gesellschaft kosten?