27.05.2026
Leseandacht Sonntag Trinitatis
Hoffnungsschimmer
Vor zweiundsiebzig Jahren, also einfacher gesagt 1954, wurde zum ersten Mal ein Schlager gespielt, der mit einem ziemlich satirischen Blick auf das damals aktuelle Weltgeschehen daherkam.
„Am 30. Mai ist der Weltuntergang. Wir leben nicht mehr lang …“, so hieß es da. Und was soll ich sagen: Das Lied wurde ein Nummer-1-Hit in Deutschland. Vielleicht, weil es die Situation der Nachkriegszeit und das immer stärkere Gefühl der Angst wegen des Ost-West-Konfliktes und des Lebens im Kalten Krieg in einer sehr parodieartigen Weise aufgreift.
Wer weiß …? Über die Jahre gab es, besonders zur Karnevalszeit, viele verschiedene Interpretationen des Liedes. Eine der letzten Neuaufnahmen war 2006. Ich selbst kannte bis vor Kurzem nur die ersten Zeilen des Refrains: „Am 30. Mai ist der Weltuntergang. Wir leben nicht mehr lang …“
Das klang und klingt doch nun wirklich nicht sehr hoffnungsvoll. Für mich schwang da immer das Gefühl von Schluss – Aus – Ende mit. Darauf hatte und hab ich nun wirklich noch keine Lust.
Auch und gerade wenn das aktuelle Weltgeschehen schon wieder solche Szenarien mit sich bringt. Da können wir in die Länder schauen, die weit weg sind, oder direkt vor die eigene Haustür.
Nun will ich aber auch nicht in diesem Gefühl – in dieser Weltuntergangsstimmung – hängen bleiben. Denn in unserer Familie gibt es einen echten Hoffnungsschimmer. Wenn denn laut dem Lied von 1954 am 30. Mai die Welt untergeht, dann gibt es am Tag darauf ein – für uns wichtiges – Ereignis, das uns zeigt: Es geht weiter. Es ist eben nicht Schluss – Aus – Ende. Denn am 31. Mai vor vierundzwanzig Jahren wurde unser Neffe geboren. Und ganz ehrlich: Wenn ein Kind in diese Welt hineingeboren wird, dann ist das doch mehr als nur ein Hoffnungsschimmer. Wenn so ein kleines Wunder in die Welt kommt, dann ist das ein Lichtblick dafür, dass es weitergeht; dann ist das wie ein Sonnenstrahl, der die dunklen Wolken durchbricht und mit seiner Wärme der Erde neue Kraft schenkt, damit wieder etwas Neues wachsen kann.
Ein Kind, das in unsere Welt kommt, kann in jedem von uns auch die Hoffnung wecken, dass etwas Gutes entstehen kann. Dabei kommt es dann aber auch auf jede und jeden von uns an. Lassen wir es einfach geschehen? Oder packen wir mit an? Trauen wir uns, unsere Stimme für die zu erheben, die noch in Angst und Hoffnungslosigkeit leben?
Ein Kind, das in diese Welt, in der so vieles aus dem Ruder zu laufen scheint, hineinkommt – so ein Kind ist für mich persönlich immer wieder ein Zeichen für Gottes Liebe. Klar feiern wir zu Weihnachten, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass Gott in jedem Kind seinen Fuß auf diese Welt setzt und uns damit sagen will: „Ich lasse euch nicht allein. Ich lasse nicht zu, dass am 30. Mai oder irgendwann anders Weltuntergang ist. Ich bin bei euch, weil ich euch liebe. Jeden von euch. Mit all deinen Macken und mit deinen Stärken.“
Ich wünsche uns, dass wir uns genau diese Einstellung zu den Menschen, mit denen wir leben, von Gott abschauen. Egal, woher jemand kommt, wie groß oder klein sie oder er ist, an wen oder was jemand glaubt oder was die Lieblingsfarbe ist. Ich wünsche uns, dass wir im Gegenüber ganz einfach einen Menschen sehen und dadurch wieder zu Menschen werden, die das im Herzen tragen, was Gott uns bei unserer Geburt hineingelegt hat. Denn dadurch können wir der Welt zeigen: Es gibt immer noch einen Hoffnungsschimmer, durch den etwas Gutes wachsen kann.