Leseandacht zum 4. Sonntag nach Trinitatis
Johannes, der Langfinger
Die Tage werden wieder kürzer und es geht auf Weihnachten zu. Es ist Johannistag, also der Geburtstag von Johannes, dem Täufer, der genau ein halbes Jahr vor Jesus liegt. Johannes ist ein ziemlich unbequemer Typ, ein Prophet eben. Der redet den Leuten und Machthabern nicht nach dem Munde, sondern mahnt und warnt: "Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen." Damit passt er recht gut in unsere Zeiten, wo es bei vielen Themen gefühlt immer schon fünf-vor-zwölf ist: AfD bald an der Macht, Renten- und Pflegereform als Sackgasse, oder KI und Deepfakes die unsere digitalen Aufenthaltsorte derart fluten, dass der Begriff "soziale Medien" mittlerweile zynisch wirkt. Überall winkt der erhobene Zeigefinger. Und auch Johannes der Täufer wird seit alters her mit ausgestrecktem, meist sogar überlangem Zeigefinger porträtiert. Aber tritt uns der asketische Rufer in der Wüste nur als unliebsamer Warner entgegen? Nein, sein ausgestreckter Zeigefinger zeigt. Er zeigt auf Jesus und sagt "Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt". Der Zeigefinger wird eben nicht nur als Mahn-Geste genutzt, sondern auch seinem Namen gemäß als Hinweisgeber. Als Zeiger.
Es ist wie bei der Computermaus: Immer, wenn man mit der Maus am Bildschirm umherfährt und über einen Link kommt, verwandelt sich der Mauspfeil in eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. Wer drückt, öffnet die Tür zu den dahinter verborgenen Dingen. Zu Johannes an den Jordan kam ein unscheinbarer Mann Anfang dreißig. Aber durch seinen Zeigefinger erfahren wir: Dieser Mann ist Jesus, der Christus. Und der wird später von sich selbst sagen "Ich bin die Tür".
Lasst uns Johannes zum Vorbild nehmen: Mutig die unbequemen Dinge ansprechen und im Lichte des Evangeliums Fehlentwicklungen benennen. Wenn es sein muss auch mit erhobenem Zeigefinger. Oder mit gestrecktem Arm, wie man es aus der Schule kennt; wir haben als Christen etwas zu melden. Nicht weil wir so eine einflussreiche Mehrheit sind, sondern um der Botschaft selber willen. Aber dann auf das hinweisen und zeigen, was zum Leben führt. Auf das, was gut tut und Mut macht. Schalom Ben-Chorin hat 1942, also in einer der dunkelsten Zeiten, gedichtet: "Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt."