Leseandacht zum 6. Sonntag nach Trinitatis
„In den Wahlprogrammen steht mir einfach viel zu wenig über den Willen zum Frieden.“
Mit diesem Satz hatte ich nicht gerechnet. Ich saß bei einem Familiengeburtstag zwischen Kaffee und Kuchen. Das Gespräch war – wie so oft – plötzlich bei der Politik gelandet, einem Thema, dem ich eigentlich lieber ausweiche. Doch es ging gar nicht um die Ukraine oder den Iran. Nicht um Schuldfragen, Strategien oder militärische Stärke. Es ging um etwas Grundsätzlicheres: um den Frieden selbst. Um die Frage, wie viel Raum der Wille zum Frieden überhaupt noch in unserem Denken und Handeln einnimmt.
Das ließ mich auch nach dem Gespräch nicht los. Mir schien dieser Wunsch fast „übergroß“ und auch naiv. Frieden. Wie soll das gehen? Kann es Frieden geben, solange Kriege mit dem Anspruch geführt werden, dass nur ein Sieg zum Frieden führt? Was meinen wir überhaupt, wenn wir von Frieden sprechen? Einen Zustand ohne Krieg? Ohne Konflikte? Ohne Gewalt? Oder gar ein Leben ohne jede Spannung, in dem jeder jedem vorbehaltlos vertraut? Wahrscheinlich ist das zu viel verlangt. Und doch scheint Vertrauen eine unverzichtbare Grundlage für einen stabilen Frieden zu sein.
Der US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King sagte vor über sechzig Jahren: „Wahrer Friede ist nicht die bloße Abwesenheit von Spannung. Er ist die Gegenwart von Gerechtigkeit.“ Auch hier komme ich nicht weiter, denn ich empfinde Gerechtigkeit als etwas Subjektives. Was der eine als gerecht empfindet, erlebt der andere womöglich als Benachteiligung. Zum Frieden gehört es sicher, diese unterschiedlichen Wahrnehmungen auszuhalten. Vielleicht gehören derlei Unfrieden und Unzufriedenheiten sogar zum menschlichen Zusammenleben. Denn ohne Konflikte gibt es keine Notwendigkeit, sich auf das Gegenüber einzulassen, und keinen Anlass, miteinander Kompromisse zu finden. Freilich lässt sich das nicht so einfach auf den Weltfrieden übertragen. Und doch scheint die Sehnsucht nach Frieden nicht zu verschwinden. Vielleicht ist Frieden gar kein Zustand, den man erreicht, sondern eine Richtung, in die man sich immer wieder aufmacht. Ein Weg sozusagen – und der Wille, einander zu vertrauen, vielleicht der erste Schritt.
Am Morgen nach der Geburtstagsfeier reichte ich im Gottesdienst beim Abendmahl meiner Nachbarin die Hand: „Friede sei mit dir.“ Vier schlichte Worte. Kein politisches Programm. Keine Garantie dafür, dass alle Konflikte verschwinden. Eher ein Wunsch – und vielleicht gerade deshalb so kostbar.
Lieber Thomas, falls Du diese Zeilen liest: Danke für diesen Impuls!