Leseandacht zum 9. Sonntag nah Trinitatis
Herz statt Hetze
Viele freundliche Gesichter schauen mich auf meinem Bildschirm an, manche schnell mal eben geknipst, manche künstlerisch inszeniert: Junge, Alte, Frauen, Männer „und alle dazwischen und darüber hinaus“. Gemeinsam machen sie sich auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland das Motto „Herz statt Hetze“ zu eigen, setzen sich ein für die klar christlichen Werte Nächstenliebe, Einsatz für die Schwachen, Toleranz und Respekt für Menschen anderer Herkunft, Religion oder Sexualität.
Das ist auch nötig; denn im Wahlkampf werden genau die entgegengesetzten Töne immer lauter. Schnell sind dann andere Menschengruppen nur noch „die da“. Davor ist zwar niemand sicher, auch nicht unter denen, die die „Guten“ sein wollen. Auf der extrem rechten Seite jedoch ist es ganz offensichtlich Programm, ja dessen Kern, von Menschen wie von Ungeziefer zu sprechen – und dafür den lautesten Applaus zu bekommen. Für mich gehört es zu den widerwärtigsten Seiten des Wahlkampfs, den Leuten einzureden, dass Beschimpfung, Verachtung, verletzende und brutale Ausdrücke die „Sprache des Volkes“ seien. Sind sie nicht. Oder aber wir bräuchten gerade in der Politik dringend Vorbilder, die es besser vormachen.
Es ist ja offenbar Absicht der Fremden- und Vielfaltsfeinde, das Land so abweisend und unfreundlich zu gestalten, dass die angeblich Unerwünschten einen Bogen darum machen. Wehe, wenn das gelingen würde! Ein Land mit Herz für fremde und geflüchtete Menschen, für solche mit Behinderungen, Arme und Benachteiligte, queere Menschen, schräge Paradiesvögel und unauffällige Normalos – das hat mehr Chancen zum Blühen. Diese Hoffnung nehme ich überall dort wahr, wo ein „Herz statt Hetze“-Bild auftaucht. Deshalb lohnt es sich, Gesicht zu zeigen.
Ich setze darauf, dass Gott sein Herz niemandem verschließt. Also möchte ich das auch versuchen. Weichgespülter, naiver Regenbogenkult? Meinetwegen. Ich möchte nach Kräften auch diejenigen, die hetzen, und ihre Wähler als Menschen behandeln, auch wenn sie an der Menschenwürde sägen, nicht zuletzt an ihrer eigenen. Und ihnen gleichzeitig sagen: Ich werde nach Kräften dazu beitragen, dass du dein Ziel nicht erreichst. Denn solange es im Kern ums Ausgrenzen und verächtlich Machen geht, ist nichts richtig an eurem Programm. Dann habt ihr nirgendwo irgend einen Punkt.
Gut möglich, dass meine Vorsätze dabei an ihre Grenze kommen. Wie gut, dass das bei Gott anders ist und er allen Menschen die gleiche Würde gegeben hat, Ausländerinnen, queeren Menschen und Politikern, sogar Rechtsextremist:innen. Deshalb lohnt es sich schon, wie ich finde, für deren Wähler, noch einmal nachzudenken: Willst du wirklich lieber Hetze statt Herz?
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