Leseandacht zum Erntedankfest
Wir essen das Brot der anderen
"Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ So heißt es im Psalm 145. Ein Satz, der gut zum Erntedank passt. Und doch steckt darin mehr. Denn wer wartet heute noch auf die Ernte? Wir gehen in den Laden, und die Regale sind gefüllt. Brot, Obst, Gemüse – fast alles ist verfügbar. Auch Energie war lange selbstverständlich: Heizen, Strom, Autofahren. Wir haben uns an eine Fülle gewöhnt, die uns kaum noch als solche auffällt. Doch diese Selbstverständlichkeit bekommt Risse. Preise steigen, Energie wird teurer, manches wird knapper. Wenn Fülle selbstverständlich ist, denkt man wenig darüber nach. Wenn sie knapper wird, wird der Blick schärfer: auf Preise, auf den eigenen Geldbeutel, auf das, was andere haben. Und manchmal auch auf die Frage, wer daran schuld sein könnte, dass es nicht mehr so ist wie früher. Vielleicht brauchen wir gerade dann einen anderen Blick. Denn, bevor wir fragen, was uns fehlt, könnten wir uns daran erinnern, wie viel uns gegeben ist – und wie viel davon durch die Hände anderer Menschen zu uns kommt.
Wir essen, was andere gesät, gepflügt und geerntet haben. Wir leben von ihrer Arbeit und von einer Fülle, die wir selbst nicht hervorgebracht haben. Unser Wohlstand hat Voraussetzungen, die wir selbst nicht geschaffen haben. Das gilt auch für unsere Gesellschaft. Familie, Nachbarschaft, Sozialstaat, Kirche und Diakonie und viele Formen gegenseitiger Fürsorge tragen dazu bei, dass Menschen nicht allein bleiben, wenn das Leben schwierig wird. Vielleicht ist das ein guter Gedanke für Erntedank: Dankbarkeit beginnt damit, dass wir erkennen, wie wenig von dem, was uns trägt, allein unsere eigene Leistung ist. Und Dankbarkeit kann weiterführen. Was mir gegeben ist, muss nicht bei mir bleiben. Segen ist keine Privatangelegenheit. Er wird zum Segen, wenn daraus auch für andere etwas zum Leben entsteht. Wenn der Nachbar leben kann, ohne betteln zu müssen. Wenn wir bereit sind, von dem abzugeben, was wir selbst empfangen haben.
Der Psalm nennt Gott den König, der nicht nur auf das Ganze schaut. Er sorgt sich um jeden Einzelnen und gibt ihm, was er nötig hat. Ein König also, dessen Größe darin sichtbar wird, dass niemand aus seinem Blick gerät. „Aller Augen warten auf dich.“ Das sind nicht nur die Augen der Starken und derer, die sich selbst helfen können. Es sind die Augen aller.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Hoffnung des Erntedanks: Gottes Fülle ist nicht dafür gedacht, dass einige immer mehr haben und andere leer ausgehen. Sie erinnert uns daran, dass wir selbst Empfangende sind – und deshalb auch geben können. So wird Gottes Reich sichtbar: Wo Menschen einander nicht aus dem Blick verlieren. Wo aus dem, was ich empfange, auch für andere Leben entstehen kann. Wo Gottes Fülle weitergegeben wird.
Denn Gottes Reich ist kein Reich, in dem nur Platz für die ist, die genug haben. Gottes Einladung gilt allen.