Leseandacht,

22.11.2025
Leseandacht zum Ewigkeitssonntag

Zwillinge

Termin beim Ultraschall. Meine Frau und ich schauen gebannt auf den Bildschirm: in ihrem Bauch herrscht wildes Gewusel, zwei Herzen trommeln im Galopp. Arme und Beine, Köpfe und Bäuche wirbeln durcheinander. "Da haben Sie sich ja das Beste herausgesucht", freut sich der Arzt mit uns, "ein Junge und ein Mädchen." Wir schauen ganz genau hin. Hat eines von beiden uns eben gewinkt? Sie spielen miteinander, so scheint es. Worüber sie sich unterhalten? Vielleicht darüber:
"Hey, schau mal, was ich gefunden habe! Die Nabelschnur, die mich mit unserer Mutter verbindet." - "Wow, sie teilt ihr eigenes Leben mit uns. Bestimmt hat sie uns sehr lieb." 
Nach Wochen und Monaten wird es zu eng im Bauch. "Was soll das heißen?" fragt der eine. "Das heißt, dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald seinem Ende zugeht", antwortet der andere.
"Aber ich will gar nicht gehen," erwidert der eine, "ich möchte für immer hierbleiben." 
"Wir haben keine andere Wahl," entgegnet der andere, "aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt." 
"Wie soll das gehen?" fragt zweifelnd der erste. "Andere vor uns haben diesen Schoß hier verlassen, und niemand von ihnen ist zurückgekommen und hat uns gesagt, dass es ein Leben nach der Geburt gibt. - Nein, die Geburt ist das Ende. Vielleicht gibt es sogar überhaupt keine Mutter?!" 
"Aber sie muss doch existieren," protestierte der andere, "wie sollten wir sonst hierhergekommen sein?" 
"Hast du je unsere Mutter gesehen?" fragte der eine. "Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir dadurch unser Leben besser verstehen können!" 
Die letzten Tage im Schoß der Mutter sind gefüllt mit vielen Fragen und großer Angst. Schließlich kommt der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verlassen, öffnen sie ihre Augen. - Sie schreien. Was sie sehen, übertrifft ihre kühnsten Träume…

Gibt es ein Leben "danach"? Jetzt, Ende November, denke ich häufiger darüber nach als sonst. Der eine kann es sich vorstellen, der andere eher nicht. Der morgige Sonntag heißt in der evangelischen Kirche "Ewigkeitssonntag". Wir verlesen im Gottesdienst noch einmal die Namen aller Gemeinde-Mitglieder, welche im vergangenen Jahr verstorben sind. Ein guter Brauch, finde ich. Wir lassen ihr Dasein noch einmal laut werden. Ich denke mir dann immer: Sie sind jetzt schon schlauer als ich.