Leseandacht,

06.12.2025
Weil sie es im Herzen tragen

Zum Weihnachtsoratorium in Schönebeck/ Bad Salzelmen

Es war kein Konzert mit Routinebesetzung und eingespieltem Ablauf. Es war ein Abend, der nur
möglich wurde, weil viele ihn im Herzen tragen und bereit waren, Zeit, Energie und Können
einzubringen. In der St.-Johannis-Kirche in Schönebeck-Bad Salzelmen erklangen am 5.
Dezember ausgewählte Kantaten aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach:
die Nummern I, II, IV und der Schlusschoral der Nummer VI. Am heutigen Abend gab es somit
eine Ausbaustufe zur Aufführung im vergangenen Jahr. Dort wurden I, II und III dargeboten.
Dass heuer daraus ein musikalisch geschlossener Abend wurde, ist der Verdienst von Carsten
Miseler. Der Kreiskantor agiert dabei nicht als vordergründiger Taktgeber, sondern als
Koordinator, Netzwerker und Fädenzusammenhalter. Die Beteiligten - Schulchor, Kantorei,
Orchester, Solistinnen und Solisten - hatten zuvor nur eine gemeinsame Probe. Dass dennoch
kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander entstand, war spürbar. Das Orchester, ein
Ensemble aus Profimusikerinnen und -musiker der Saxonia Music Company, bildete das
klangliche Rückgrat. Viele von ihnen spielen regelmäßig in der Mitteldeutschen
Kammerphilharmonie oder im Gewandhausorchester Leipzig. Der Ton war klar, differenziert
und im besten Sinne zurückhaltend.
An manchen Stellen war zu spüren, dass dieses Zusammenspiel noch frisch war. In einigen
Momenten forderte das Zusammenspiel höchste Aufmerksamkeit. Kleine Verschiebungen im
Tempo wurden sensibel ausgeglichen, das gegenseitige Hören war spürbar. Miseler blieb
präsent, justierte und führte zusammen. Nicht laut, nicht dominant, aber durchgängig wirksam.
Einige der Mitwirkenden singen neben Beruf oder Schule, andere investieren ihre Freizeit und
Energie in ein Projekt mit engen Zeitvorgaben. Gerade darin liegt ein besonderer Reiz: in der
Konzentration auf das Gemeinsame. Man spürt, dass hier kein Ensemblemechanismus greift,
sondern dass viele Einzelne Verantwortung übernommen haben, damit das Ganze trägt. Das
wurde besonders deutlich in der Zusammenarbeit mit dem Schulchor des Dr.-Carl-Hermann-
Gymnasiums. Die Kooperation mit der Schönebecker Kantorei besteht seit mehreren Jahren.
Unter der Leitung von Laura Pannier ist eine Zusammenarbeit entstanden, die sich hören lassen
kann. Die Jugendlichen fügten sich mit Ernst und Konzentration ein, ohne sich mit einer
Nebenrolle zu begnügen.
Was auf der Bühne gelang, wurde im Hintergrund abgesichert: vom technischen Aufbau über
Licht, Einlass und Ordnerdienste bis hin zur Verpflegung bei den Proben. Zwischen 20 und 25
Personen aus der Gemeinde waren mit diesen Aufgaben befasst. Es wurden Stullen geschmiert,
Zeiten koordiniert und Abläufe gesichert. Unsichtbar. Die Zahnräder aus Gemeinde und
Kirchbauverein greifen wie gewohnt ineinander.
Die St.-Johannis-Kirche war mehr als nur eine Kulisse. Mit ihrem barocken Altar, dem hohen
Gewölbe und dem Taufstein, der mitten im Orchester thront, gab sie der Aufführung einen
Rahmen, der nicht nur dekoriert. Der Raum bringt eine Geschichte mit, ohne dominant zu sein.
Er hält aus, was geschieht, verstärkt, was gemeint ist, und erlaubt eine Nähe, die in größeren
Konzertsälen oft verloren geht. Die Heizung der Kirche – eine Wohltat am nebeligen
Dezemberabend vor Nikolaus.
Bachs Weihnachtsoratorium ist keine bloße Erzählung, sondern eine musikalische Auslegung.
Bibeltexte, Choräle, Arien: Sie berichten nicht nur von der Geburt Christi, sie durchdringen sie.
Bach komponierte keine Berichterstattung, sondern eine Zwiesprache. Im Text des Chorals die
Frage: „Wie soll ich dich empfangen?“ Dies ist keine theologische Formel, sondern eine
persönliche. Die Musik bleibt nicht distanziert, sondern richtet sich direkt an den Hörer und
erwartet eine Antwort.
Zum Abschluss sprach Pfarrer Samuel Golling einige Worte. Er beschrieb das Oratorium als
Gebet, das sich nicht an Vergangenes richtet, sondern mitten in der Gegenwart stattfindet. Wer
sich auf diese Frage einlasse, könne Weihnachten nicht nur feiern, sondern verstehen. Ob diese
Deutung geteilt wird, bleibt offen. Die Musik jedenfalls bot Raum für viele Zugänge.
Carsten Miseler formulierte es im Rückblick so: „Ich denke, was bleibt, ist der Schlussakkord,
die Stille danach, die Vorfreude auf Weihnachten, die Erleichterung aller, die mitgesungen
haben, das Aufatmen und die Botschaft, die die Menschen im Herzen empfangen sollen.
Wichtig ist, dass solche musikalischen Kulturprojekte weiterentwickelt werden und leben.“
Ganz am Ende erklang noch einmal ein Choral: „Ich steh an deiner Krippen hier“. Nicht als
Nachsatz, sondern als bewusst gesetzter Schlusspunkt. Die Musik, nicht das Wort, sollte im
Raum stehen bleiben – und tat es auch.