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25. Januar 2020 | Kirchenkreis Egeln
© Nathan Dumlao

25. Januar 2020

Eine feste Umarmung zur Begrüßung, dampfend heißer Tee, eine große Couch, in der ich versinken kann, Schokolade – so riecht, schmeckt und fühlt sich für mich Gastfreundschaft an. Und während ich da so sitze und bei jemandem zu Gast bin, entspinnen sich lange Gespräche, werden Gedanken ausgetauscht, wird zusammen gelacht, manchmal auch geschwiegen oder geweint. In dieser Pause vom Alltag vergeht die Zeit wie im Flug.  
Gastfreundschaft bringt Menschen zusammen. Wohl auch deshalb steht die diesjährige Gebetswoche für die Einheit der Christen unter diesem Motto. Menschen aus ganz unterschiedlichen Gemeinden kommen zusammen und sind bei anderen zu Gast. Für eine kleine Weile rücken die Verschiedenheiten in den Hintergrund. Stattdessen steht die Gemeinschaft im Vordergrund. Man begegnet sich, kommt ins Gespräch und hört voneinander. Die Gelehrten mögen sich über die Unterschiede in der Lehre streiten, aber hier an den Tischen der Gemeinden ist das vergessen. Für eine kleine Weile bildet man eine Einheit.
Gastfreundschaft bedeutet Aufwand. Als Gastgeber räumt man die Wohnung auf, bereitet leckeres Essen vor, schaufelt sich Zeit frei und schiebt die eigenen Sorgen des Alltags beiseite, um den Kopf für den Gast freizubekommen. Sich auf den anderen einzulassen und aufmerksam zuhören, kostet auch Kraft. Und wenn der Gast schon lange wieder gegangen ist, dann gehen einem immer noch manche Gedanken nach. Gastfreundschaft geschieht selten im Vorübergehen, sondern ist häufig eine bewusste Entscheidung.
Gäste stehen nie mit leeren Händen da. Das Essen oder die Flasche Wein bringen sie manchmal selbst mit. Immer mit dabei haben sie ihre Erfahrungen und Lebensgeschichten. Manche davon hat man schon oft gehört; sie wieder zu hören, strapaziert zuweilen die eigene Geduld. Vielleicht entdeckt man aber auch in den Erzählungen des anderen etwas Neues, das man für sich mitnimmt: einen kostbaren Gedanken, ein wertschätzendes Wort, eine neue Perspektive auf altbekannte Probleme. So einiges von einem Besuch gerät in Vergessenheit. Was jedoch oft bleibt, ist die Erinnerung an gemeinsam verbrachte Zeit und die Atmosphäre. Der Besuch eines Gastes kann schon lange her sein, aber in der Erinnerung lässt er noch jetzt das Herz höherschlagen.
Gastfreundschaft ist etwas Kostbares, weil es bei genauerem Hinsehen eine Bereicherung für beide ist – trotz Aufwand. In der Bibel wird daher den Menschen der Rat mitgegeben: „Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben, denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen.“

Verfasserin: Saskia Lieske