Bad Kleinen

(10.10.2017) — Holger Holtz

Gedanken von Superintendent Matthias Porzelle, Egeln. Mein Zug rollt langsam in den Bahnhof ein. "Bad Kleinen" sagt der Zugchef durch. Das erste Mal nach meiner Rostocker Studienzeit Anfang der 90er bin ich per Bahn auf dieser Strecke unterwegs und vieles erinnert mich an damals. In Wittenberge habe ich doch mal Michael getroffen. Und war in Ludwigslust nicht mal bei lausigem Wetter Schienenersatzverkehr? Auch bei "Bad Kleinen" werde ich hellhörig und blicke nachdenklich auf den Bahnsteig.

Im Hintergrund eine Baustelle, ansonsten mutet alles verschlafen an wie eh und je. Aber es erinnert mich an einen dramatischen Tag, an Sonntag, den 27. Juni 1993. Damals sollten bei einem Polizeieinsatz auf eben jenem Bahnhof zwei RAF- Terroristen festgenommen werden. Die Situation eskalierte, am Ende starben ein Beamter und einer der Terroristen. Ich war an diesem Tag zuhause bei meiner Familie, also völlig ungefährdet. Aber allein der Umstand, dass mein Zug zwei Tage vorher an dieser Stelle gehalten hatte, ließ mich nicht kalt. RAF, diese Buchstaben standen für grausame Gewalt, am grausamsten im Herbst 1977. Das war im Westen und für einen Fünfjährigen noch kein Thema. Aber jetzt kam das alles nahe. Gut nur, dass nach Bad Kleinen der RAF-Terror endete.

Mein Zug kommt zum Stehen. Wieder meldet sich der Zugchef und warnt die Aussteigenden vor dem Spalt zwischen Waggon und Bahnsteig. Natürlich trifft das Wort "Spalt" sofort meine Gedanken und verbindet die Erinnerung an Vergangenes mit der Gegenwart. Die Spaltungen unserer Gesellschaft haben ja nicht aufgehört. Im Gegenteil. Aber statt das, was so getrennt ist, miteinander in Verbindung zu bringen und wenn irgend möglich zu versöhnen, vertiefen und verbreitern manche den Spalt erst richtig. Terror kann von allen möglichen Seiten ausgehen und er beginnt mit feindseligen Gedanken.

Mein Zug hält zehn Minuten länger in Bad Kleinen als geplant, aus betrieblichen Gründen, sagt der Zugchef. Für mich die Gelegenheit, das Thema biographisch zu Ende zu denken. Sicher, ich habe damals mein Theologiestudium in Rostock nicht aus sozialen oder gesellschaftskritischen Gründen begonnen, sondern weil mir Gott im Evangelium von Jesus Christus nahegekommen war. Und so ist es auch heute. Aber ohne den Gedanken von der Versöhnung, die persönliche Verantwortung für den nächsten Menschen und die Suche nach einer Verständigung über verschiedene Ansichten ist dieses Evangelium undenkbar. Ich habe damals auch mit meinem Studium begonnen, weil mich Menschen mit dieser Haltung beeindruckten. Und so ist es auch heute.

Mein Zug rollt langsam wieder an. Der Bahnhof Bad Kleinen bleibt zurück. Aber in Gedanken bleibt er mir eingeprägt. Ein Ort, der mich - leider auf traurige Weise - den Wert des Evangeliums verstehen ließ und lässt.

Matthias Porzelle, Superintendent Kirchenkreis Egeln

 


 

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17.12.2017
Als die Zeit herbeikam, dass David sterben sollte, gebot er seinem Sohn Salomo und sprach: Ich gehe hin den Weg aller Welt. So sei getrost und diene dem HERRN, deinem Gott. Paulus schreibt: Wir lassen nicht ab, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, dass ihr, des Herrn würdig, ihm ganz zu Gefallen lebt und Frucht bringt in jedem guten Werk.
1.Könige 2,1-2.3 Kolosser 1,9-10

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