Definitionsfragen

(17.10.2017) — Holger Holtz

Gedanken von Jürgen Kohtz, Pfarrer in Calbe. Die jüngsten Ereignisse in Spanien regen sicher nicht nur Politiker an, über die Frage der Zugehörigkeit erneut nachzudenken. Zu wem gehören wir? Eine Frage, die uns alle in verschiedener Hinsicht betrifft und auch von uns entschieden wird bzw. von deren Beantwortung eine Menge abhängt.

Zugehörigkeit ist etwas, was mit unserer Identität, unserem Selbstverständnis zu tun hat. Die Antworten wirken sich erheblich auf unsere Situation und unser Leben aus.
Zu wem gehören wir?
Ich erinnere mich an den Schlager "Er gehört zu mir", den Marianne Rosenberg 1975 so schön gesungen hat und der ein Hit geworden ist. Hier wird die Zugehörigkeit zweier Menschen geradezu beschworen.In einer Eheschließung wird das besonders deutlich. Zwei Menschen geben sich das JA-Wort, und wenn das in einer Kirche passiert, ist es noch gravierender und sehr verbindlich. Bis dass der Tod euch scheidet, heißt es da in der ursprünglichen Trauzeremonie. Wer traut sich heute noch zu solchen verbindlichen Zusagen? "Wir gehören zusammen" - dieses Bekenntnis wird heute lieber relativiert. Wir sagen und meinen ergänzend: … "solange wir uns lieben", oder "solange es gut für uns ist", oder: "solange es uns gefällt".
Ich gehöre nur mir, sagen die ganz Kritischen. Ich bin niemandes Eigentum. Individualität wird heute ganz groß geschrieben. Wenn Menschen zum Eigentum erklärt werden, hat das den Geschmack von Unfreiheit, manchmal gar von Versklavung. Und das ist, wie wir aus Medien erfahren, auch heutzutage traurige Wirklichkeit. Kinder werden versklavt, ausgebeutet, auch in Deutschland. Väter fühlen sich berechtigt, ihre Frau umzubringen und die Kinder gleich mit, weil sie sich gekränkt oder betrogen fühlen. Wir kennen alle noch den Satz: "Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst…"
Zugehörigkeit definiert sich auch heute noch stark über die familiären Beziehungen. Obwohl die Familienbande lange nicht mehr das darstellen, was sie früher noch waren. Großfamilien, in denen man seine eigene Lebenszeit zubrachte, sind bei uns schon Vergangenheit. Der Patriarch, das Familienoberhaupt, hat bei uns keinen Platz mehr. Allerdings in anderen Kulturen ist das durchaus heute noch gelebte Wirklichkeit. Wenn in orientalischer Kultur der Vater stirbt oder nicht mehr da ist, muss der Sohn sich oft um die ganze Familie kümmern. Er wird losgeschickt, um für das Überleben der Familie zu sorgen.
Zu wem gehören wir?
Offensichtlich besteht ein hoher Bedarf, diese Frage neu zu beantworten. Da viele Traditionen nicht mehr gelebt werden, brauchen wir neue Verbindlichkeiten, brauchen wir verstärkt das Gefühl der Zugehörigkeit, um uns zu Hause zu fühlen.
Über die Arbeitswelt ist das heute immer weniger möglich: Die Großbetriebe, in denen zur DDR-Zeit Tausende arbeiteten, gibt es nicht mehr, und auch das Stadt- und Landleben hat sich deutlich verändert.
Zu wem gehören wir?
Die Wiederentdeckung regionaler Wurzeln, wie es derzeit bei den Katalanen der Fall ist, kann durchaus zu einem neuen starken Gefühl der Zusammengehörigkeit führen. Damit Zugehörigkeit aber nicht zur Quelle von neuen Verfeindungen wird, braucht es einen übergeordneten Zusammenhang. Das Neue Testament bietet einen an: Der Apostel Paulus sagt im Galaterbrief 3,28: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus."
Und im Wochenspruch für Sonntag heißt es: Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1.Joh. 4,21).
Christen dürfen sich - über alle Unterschiede hinweg - als eine Familie, zugehörig dem Herrn Christus verstehen. Dass wir das auch praktische Wirklichkeit werden lassen, hätte und hat mehr den je innovatives Potential, das unsere Welt verändern kann.

 


 

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18.11.2017
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Jesus Christus hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.
Jesaja 9,1 Titus 2,14

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