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09. November 2019 | Kirchenkreis Egeln
© Alice Donovan Rouse

09. November 2019

Pfingsten im November

In der Pause einer Beratung reißt einer das Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen. Alle fühlen sich belebt und können durchatmen. Dann geht die Tür auf und es entsteht Durchzug. Alles, was auf dem Tisch liegt, kommt durcheinander. Papiere werden auf den Fußboden geweht. Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, ging für die Menschen in der hermetisch abgeschotteten DDR das Fenster der Freiheit weit auf. Die lang ersehnte Reisefreiheit war da. Besuche bei Freunden und Verwandten im westlichen Teil Deutschlands waren möglich. Die in der Friedlichen Revolution errungene Freiheit war ein begeisternd frischer Wind.

Aber es kam eben auch viel durcheinander in den Lebensverhältnissen der  Menschen. Auch böse Stürme fegten durch den einst so ruhigen Lebensraum. Mich erschreckt, wie sich der Ungeist rechtsradikaler Gewalt auch hier ausbreiten konnte. Traurig haben wir miterlebt, wozu Antisemitismus erneut fähig ist. Beim Anschlag auf die Synagoge in Halle wurden zwei unschuldige Mitmenschen ermordet.  Dennoch oder gerade darum bleibt der 9.11., dieser widersprüchliche Tag deutscher Geschichte, ein Tag der Freiheit. Die Freiheit fordert jeden heraus, nicht abzustumpfen, sondern mitzudenken und sich für das Gute zu entscheiden. Freiheit ist immer ein frischer Wind. Manchmal weht er einem fest ins Gesicht.

Den Wind der Freiheit würde ich gern als neues Pfingsten im November feiern. Zum ersten Pfingsten erfüllte Gottes Geist des Lebens die Jüngerinnen und Jünger von Jesus. Ein Fenster in ihre Furcht wurde aufgerissen. Ein neuer Geist zog ein und gestaltete ihr Zusammenleben neu. Sie fanden neuen Mut zum Vertrauen auf Gott, Begeisterung für ein solidarisches Leben und Offenheit für Menschen unterschiedlichster Herkunft. Viele Menschen anderer Herkunft, Kultur und Sprache schlossen sich ihrer Gemeinschaft an. Sie waren verbunden in der Freude über Gott.

Was sich zu Pfingsten ereignete ist meine Hoffnung für uns mitten im November: dass sich Menschen wieder näher kommen und dass die Freiheit einschließt, in Respekt miteinander zu leben. Im Geist der Freiheit aufeinander zugehen – das ist heute dran. In vielen evangelischen Kirchengemeinden geschieht das seit 1990. Familien aus den westlichen Bundesländern bringen sich schon lange aktiv mit ein. Vor wenigen Wochen wurde eine junge Frau als Prädikantin, als ehrenamtliche Predigerin, eingeführt. Sie kam als Kind aus Sibirien. Dort waren sie „die Deutschen“, hier „die Russen“. Heute ist sie akzeptiert. Sie lebt ihren Glauben überzeugend vor und bringt neuen Wind in die Gemeinde.

Verfasser: Christoph Hackbeil