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29. Dezember 2019 | Kirchenkreis Egeln
© Markus Spiske

29. Dezember 2019

Fluchtpunkt Ägypten

Da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten (Hosea) gesagt hat, der da spricht: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«  Mt. 2, 13-15

Die Tage zwischen den Festen sind eine eigenwillige Mischung aus Fest und Alltagszeit. Viele haben am „Brückentag“ Urlaub genommen, einigen ist er verwehrt. Manche nutzen die Zeit für ein Kurzreise, während andere zu Hause Arbeiten erledigen, die viel zu lange liegen geblieben sind. Irgendwie möchte man die Festzeit festhalten und findet sich doch sehr schnell im Alltag wieder. 

Die Nachweihnachtsgeschichte ist hier besonders schroff. Waren schon die Umstände der Geburt alles andere als optimal, geht´s jetzt um Tod oder Leben. Eine Familie auf der Flucht vor dem Terror eines machtbesessenen Herrschers. Mit einer Schreckensbotschaft bricht die gewalttätige Welt mitten hinein in unsere nachglimmende Festfreude. Aber rühren uns solche Schreckensbotschaften überhaupt noch an? Gibt es ihrer nicht zu viele? 

Wie schnell sind wir dabei, die Hände zu heben und unsere vermeintliche Hilflosigkeit zu bekunden. Dabei fällt schon auf, wie oft wesentlich ärmere Länder als das unsrige, wesentlich mehr Flüchtlingen Unterschlupf gewähren. Ich kenne all die Argumente, die abgewogen, bedacht und ausgelotet werden müssen, bevor „man?“ sich zu unbedachten Handlungen hinreißen lässt. Die schlimmen Umstände im Flüchtlingslager treffen einen Politiker so, dass er sich für die Aufnahme von Jugendlichen engagiert, doch dann wird sein Vorschlag zerredet. Und ich frage mich: Muss das so sein? 

Ägypten gehört bis heute zu den armen Ländern im Vergleich zu uns. Aber es gehört zu den Ländern, von denen schon die Bibel mehrfach berichtet, dass es immer wieder Fluchtpunkt für ganze Völkerscharen ist, genauso wie für Joseph, Maria und das Gotteskind.

Schnell verweist man hier auf andere Kulturen, in der Familienverbindungen und Gastfreundschaft so großgeschrieben werden. Zeigt sich gleichzeitig entsetzt, von miesen Bedingungen und Ausbeutung, von Chaos und Gefahr. Aber was hindert uns es besser zu machen? Was hindert uns, über unseren Schatten zu springen und wenigstens ab und an unser Mitgefühl, vor unser Bedürfnis nach Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit zu setzen. Denn ganz egal, wie eng- oder weitherzig wir in der Flüchtlingsfrage sind. Die Bibel schärft uns ein: Gott im Kind Jesus, überlebt nur, weil es ein Land und Menschen gibt, die bereit sind sie aufzunehmen. Darum gehört unsere Bereitschaft Flüchtlinge aufzunehmen, zu den Grundtugenden des christlichen Abendlandes.

Verfasser: Ulf Rödiger, Pfarrer in Groß Rosenburg