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25. Januar 2020 | Kirchenkreis Egeln
© Toa Heftiba

25. Januar 2020

Otto Weidt - Ein Blinder sieht klar

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, erreichten die Spitzen der sowjetischen Verbände das Gelände des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Sie trafen dort auf die kranken und geschwächten Häftlinge, welche die Wachmannschaften im Lager zurückgelassen hatten. Nach  dem Krieg erklärten die meisten Deutschen, von den Vernichtungslagern nichts gewusst zu haben. Otto Weidt, 1883 in Rostock geboren, war in verschiedener Hinsicht eine Ausnahme. Er unterhielt in der Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte eine Blindenwerkstatt zur Herstellung von Besen und Bürsten. Als Menschenfreund und Gegner der Nazis gab er Berliner Juden Arbeit bei sich und versuchte, sie zu verstecken. Die bei ihm versteckte Familie Licht wurde verraten, die Eltern und ihre Tochter Alice wurden in das Lager Theresienstadt deportiert. Otto Weidt versorgte die Familie mit Lebensmittelpaketen. Die Lichts mussten aber weiter nach Auschwitz. Auf dem Weg dorthin konnte Alice eine Postkarte an Otto Weidt aus dem Zug werfen. Wie durch ein Wunder kam die Karte in Berlin an, abgestempelt in einem oberschlesischen Ort in der Nähe von Auschwitz. Der Unbekannte, der sich um die Postkarte gekümmert hat, war mutig. Otto Weidt fühlte die Verpflichtung, seinen Schutzbefohlenen beizustehen. Er meldete sich bei der Lagerleitung von Auschwitz an unter dem Vorwand, seine Kollektion von Bürsten und Besen zu präsentieren. Auschwitz lag seinerzeit im von Deutschland annektierten Gebiet, es lag nicht „irgendwo weit im Osten“, wie später die meisten Deutschen es sich vorstellten, Der Nachtzug D 41 verließ den Bahnhof Berlin-Friedrichstraße um 22.35 Uhr und kam an um 10.03 des nächsten Tages. So konnte Otto Weidt problemlos eine Fahrkarte kaufen, und er fuhr hin. Er war fast blind und gehörlos, aber er konnte gut mit Menschen umgehen. Von einem polnischen Arbeiter erfuhr er, dass man Alice Licht inzwischen nach Christianstadt bei Breslau verlegt hatte. Die Eltern waren gleich nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau ermordet worden.  Otto Weidt fuhr zurück in Richtung Westen. In der Nähe des Lagers Christianstadt mietete er ein Zimmer für Alice und deponierte dort zivile Kleidung, Geld und etwas Medizin.  Als Christianstadt geräumt wurde, konnten Alice und eine weitere Gefangene dem Todesmarsch entkommen. Ausgestattet mit der Zivilkleidung aus dem Versteck, schlossen sich die beiden jungen Frauen den Schlesiern an, die versuchten, sich vor der herannahenden Front in Sicherheit zu bringen.  So kamen sie nach Berlin und haben überlebt. Alice Licht konnte nicht mehr in Deutschland leben und wanderte in die USA aus. Auch das Leben von Inge Deutschkron, die später Schriftstellerin wurde, hat Otto Weidt gerettet.

An ihn erinnert immer noch seine Blindenwerkstatt in Berlin, die nach dem Krieg in Vergessenheit geriet und unverändert erhalten geblieben ist. Wir besichtigen sie im Rahmen der Konfirmandenarbeit. Dieser ganz besondere Ort zeigt: Es ist möglich, auch unter den schwierigsten Verhältnissen Mitmenschen zu helfen und Menschenwürde zu bewahren. Nicht große Worte zählen, sondern kleine Taten. Im dem jüdischen Auslegungswerk Talmud heißt es: „Wer auch immer ein einziges  Leben rettet, der ist, als ob er die Welt gerettet hätte“.