Clicky

„Fürwahr, du bist ein verborgener Gott“ (Jes, 45,15) | Kirchenkreis Egeln
© K I L I A N on Unsplash

„Fürwahr, du bist ein verborgener Gott“ (Jes, 45,15)

Unsere gesellschaftliche und religiöse Lage macht es uns nicht leicht, unvorhersehbare globale Ereignisse in die Sprache des Glaubens zu überführen. Wie schwierig das ist, hat uns die Corona-Krise schmerzlich vor Augen geführt. Es war natürlich schon immer nicht leicht, ein Übel, ein malum, mit Gott in Verbindung zu bringen. Aber heute finden wir kaum noch eigene Worte, um den religiösen Sinn der Corona-Krise zum Ausdruck zu bringen.

Unsere in weiten Teilen säkularisierte Welt macht es uns zusehends schwerer, religiöse Antworten auf Fragen der Zeit zu finden. Das geht natürlich nicht erst uns so. Schon der Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich sprach vor fast 100 Jahren von einem schweigenden Glauben. Der Glaube schweige deswegen, weil er in einer Welt lebt, in der er keine Ausdrucksmöglichkeiten findet, um das zu in Worte zu fassen, was ihn im Innersten bewegt.

Die beredte Zurückhaltung, das Übel der Corona-Krise mit Gott in Verbindung zu setzen, erinnerte mich an dieses Wort Tillichs. Die Schattenseiten des Lebens mit Gott in Verbindung zu bringen, ist schwer; und seit jeher ringt der Glaube an dieser Stelle um eine Sprache. Die Reformatoren hatten sie noch. Damit meine ich nicht die Vorstellung von einem strafenden Gott. Ich meine die uns verborgene Seite Gottes, um die Luther nur zu gut wusste und von der das Buch Jesaja spricht. Gott geht für den Wittenberger Reformator nicht in dem Bild Jesu Christi auf. Vielmehr glaubte er, dass sich Gott uns nicht vollständig zeigt. Davon, dass uns Gott nicht verfügbar ist, dass er sich unserem Wissen entzieht, dass er auch ein verborgener Gott ist, davon ist in unseren Tagen eher selten die Rede. Vielleicht hat es damit zu tun, dass diese Sprache religiös unbequem ist, vielleicht ist es auch zu kompliziert, so über Gott zu sprechen, vielleicht wollen wir nicht noch Abgründe in Gott, wo wir doch mit unseren eigenen genug zu tun haben, vielleicht wollen wir uns in unseren religiösen Gewissheiten nicht irritieren lassen. Gründe, von einer uns verborgenen Seite Gottes nicht zu sprechen, gibt es sicher viele; ob das aber sinnvoll ist, bezweifle ich; allein, weil die Rede vom verborgenen Gott mich davor bewahrt, Gott nicht mit meinen Wünschen und Bedürfnissen zu verwechseln – beides auseinanderzuhalten, ist oft gar nicht so leicht. Auch wenn ich spüre, wie ich hier an Grenzen komme, wie schwierig es ist, etwas in eine Sprache zu fassen, was sich kaum versprachlichen lässt, merke ich doch auch, wie mir die Rede vom verborgenen Gott hilft, religiös mit der Corona-Krise umzugehen; ihn an dieser Stelle nicht aus dem Spiel lassen zu müssen.


Dass ich das Thema damit nicht ad acta legen kann, versteht sich von selbst. Es bleibt eine Unruhe, es bleiben Restzweifel und ich ringe um weiter um Antworten. In der Corona-Krise erkenne ich nicht nur eine medizinische, ökonomische und politische Herausforderung, es ist auch eine religiöse Herausforderung. Letztlich kann hier jeder sein vor Gott stehendes Herz befragen und hören, ob es schweigt oder spricht.
Was auch immer dabei herauskommt: Es ist mitteilenswert.